War die Stickerei zur Zeit der Handarbeit vorwiegend oder sogar praktisch ausschliesslich Frauenarbeit, wechselte das mit der Einführung der Stickmaschinen schlagartig. Die Arbeit an der Maschine war eine ausgesprochene Männerarbeit, die Frau war jedoch als Gehilfin nach wie vor beschäftigt – sie kümmerte sich um den Austausch gebrochener Nadeln und das Einfädeln, wenn der Faden zu Ende gegangen war. Wurden in der traditionellen Geschichtsschreibung die oben erwähnten Vorteile der Heimarbeit herausgehoben – 1877 schrieb etwa Dr. Wagner von der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft bezogen auf die Fabrikarbeit «Das grösste Elend unsere Zeit ist die Auflösung der Familie» – so wird heute darüber allgemein kritischer geurteilt. Erstens war die Entlöhnung der Heimarbeiter teilweise sehr schlecht und zweitens mussten teilweise auch Kinder und Grosseltern an der Stickmaschine mitarbeiten, um den Unterhalt aufzubringen. Zwar bewohnte die Mehrheit der Heimarbeiter ein eigenes Haus mit guter Wohnqualität, aber dies galt oft nicht für die Arbeitslokale, da diese zuweilen in feuchten, schlecht belüfteten und ungenügend geheizten Räumen eingerichtet waren.
Besonders hervorgehoben wurde auch immer das Zusammenspiel zwischen der Textilindustrie und der Landwirtschaft. Die Bauern – so die Idealvorstellung – würden ihre freie Zeit produktiv einsetzen, Abwechslung haben und so ihr karges Einkommen aufbessern können. Unbestritten galt das tatsächlich für einige Landwirtschaftsbetriebe. Allerdings war der Konkurrenzkampf sehr hart und die Maschinen mit hohen Krediten belastet, so dass dann für die Landwirtschaft oft kaum mehr Zeit blieb. Die rauhe Arbeit eines Landwirtes war für die in der Stickerei notwendige Feinarbeit auch nicht förderlich, so dass viele dieser Landwirtschafts-Stickbetriebe nur gröbere Arbeiten verrichten konnten. Ausgenommen davon war die von den Frauen ausgeführte reine Handstickerei, wie sie vorwiegend in Appenzell-Innerrhoden bis weit ins 20. Jahrhundert hinein betrieben wurde.
Der Lohn der Sticker war in der Regel recht gut, besonders für die selbstständigen Heimarbeiter. Schlechter ging es da den Hilfskräften, die oft nur von der Hand in den Mund lebten. Die Arbeitszeiten waren, vor allem natürlich bei grosser Nachfrage, sehr lang. Die tägliche Arbeitszeit betrug zwischen 10 und 14 Stunden, was dann auch zu gesundheitlichen Schäden wegen Überlastung der Muskulatur – die meisten Stickmaschinen waren noch immer von Hand zu bedienen – und Blutarmut oder Lungentuberkulose führte. Zudem war die Stellung des Stickers vor dem Pantographen aus ergonomischer Sicht äusserst schlecht – der Brustkorb wurde schwer in seiner Entwicklung geschädigt und die Wirbelsäule verkrümmt. 25% aller Sticker waren bereits bei der Musterung als dienstuntauglich eingestuft worden. Auch die Säuglingssterblichkeit war in den nördlichen, industrialisierten Bezirken des Kantons St. Gallen ausserordentlich hoch.
Verschiedene Mediziner versuchten mit Aufklärung im Bereich der Hygiene, der Ernährungsberatung und der Kinderpflege diesen Missständen entgegenzuwirken – mit messbarem Erfolg. Durch die Sensibilisierung besonders auch der Lehrer auf die Hygiene und die Einstellung spezieller Schulärzte zur Überwachung derselben wurde das Hygienebewusstsein der Bevölkerung nachhaltig verbessert. Seit 1895 mussten auch die Soldaten in der Stadtkaserne regelmässig duschen. Neben der äusseren Reinlichkeit galt die Aufmerksamkeit der Ärzte auch der ‹Hygiene des Magens›, also der Ernährung. Milchprodukte und Fleisch wurden als gesunde Produkte angepriesen und Genussmittel und Kohlehydrate kamen in Verruf. Dies kam der Landwirtschaft entgegen, die sich auch immer mehr auf die Viehwirtschaft konzentrierte. Auch der bis anhin völlig normale Konsum teilweise grosser Mengen Alkohol wurde bekämpft.
Obwohl die Stickerei für die Region längst nicht mehr die Bedeutung hat wie zu Beginn des letzten Jahrhunderts, ist sie doch immer noch ein Wirtschaftsfaktor. Besonders auch Stickereimaschinenfabriken wie die Benninger AG gehören zu den grösseren Arbeitgebern der Region. Grosse Namen wie Pierre Cardin, Chanel, Christian Dior, Giorgio Armani, Emanuel Ungaro, Hubert de Givenchy, Christian Lacroix, Nina Ricci, Hemant und Yves Saint Laurent verarbeiten Spitzen aus St. Gallen – kaum eine bedeutende Modenschau der Welt verzichtet auf die Präsentation entsprechender Kreationen.
In der Gallusstadt selbst werden Stickereierzeugnisse neben den traditionellen Modenschauen am CSIO und an der OFFA Frühlings- und Trendmesse St. Gallen am St. Galler Kinderfest präsentiert. Dieses Fest hat einen grossen Teil seiner Bedeutung und seines Charakters der Stickerei zu verdanken.
Die grosse Blüte der Stickerei und der damit verbundene Reichtum hat auch das Stadtbild nachhaltig geprägt. Aus heutiger Sicht kann man sagen, dass die Stadt um 1920 gebaut war – von den später erweiterten Aussenquartieren abgesehen. Die Jugendstil- und Neurenaissancebauten der Zeit zwischen 1880 und 1930 definieren das Bild der in dieser Zeit gebauten Industriequartiere um die Altstadt. Die Namen dieser ehemaligen Geschäftspaläste lassen die einstige Bedeutung des Welthandels für die Stadt erahnen: Pacific, Oceanic, Atlantic, Chicago, Britannia, Washington, Florida…